39,95 – Neununddreißig fünfundneunzig

Jedes Mal, wenn ich jemanden mit einem Preisschild an der Jacke sehe, frage ich mich, wie dieser Mensch wohl lebt.

Vielleicht handelt es sich um einen Menschen, der zeigen möchte, was er hat. Markenklamotten könnten aus einem Outlet stammen und lediglich den Bruchteil dessen gekostet haben, was sie suggerieren. Heutzutage gibt es sogar Luxus-Outlets mit Gucci und Versace zum Schleuderpreis. Und was sagt schon eine Adidas-Jacke aus? In jedem Fernsehbeitrag aus der fünften Welt tragen die Leute Adidas-Klamotten. Gut, teilweise nehmen die einfach die Sachen von der Arbeit mit, die sie selbst zusammennähen. Aber was bedeutet das schon? Es gibt sicherlich Menschen, die denken: Erst das Preisschild zeigt, wie dick meine Balls sind.

Es könnte sich aber auch um einen Menschen handeln, der in seiner Kindheit ein traumatisches Erlebnis mit einer Schere oder dergleichen hatte. Vielleicht wurde ihm von der boshaften Mutter ein Ohr abgeschnitten (das würde man sehen, aber heutzutage existieren ja wirklich fabelhafte Prothesen), vielleicht ist eine Schere vom Tisch gefallen und hat den Lieblingshund der Familie mit dem eingängigen Namen Schnuffi erstochen. Kinder mögen es nicht, wenn Schnuffis mit einer Schere erstochen werden. Seit diesem tragischen Moment voller Symbolkraft ist unser Jackenträger nicht mehr in der Lage, scharfe Gegenstände zu halten. Überflüssig zu erwähnen, dass er keine Frau gefunden hat, die ihm die Sache mit dem Preisschild abnimmt – schließlich lässt er bei jedem Date das Messer fallen; das kommt bei Frauen nun überhaupt nicht an.

Allerdings könnte es auch sein, dass es sich um einen Menschen handelt, der seiner Mutti die Klamottenwahl überlässt. Immer noch, mit nunmehr fünfzig Jahren auf dem Buckel. Gibt’s. Mutti geht bei die Karstadt und kauft dem Jungen, pardon, dem „Jungen“, eine neue Hose, eine neue Jacke für 39,95 (runtergesetzt von 44,95) und Socken. Aber nicht die weißen, jedem Klischee will Mutti nicht entsprechen. Der Sohnemann packt sich die Klamotten, von Preisschildern hat er in seinem Leben noch nix gehört.

Am wahrscheinlichsten ist es aber, dass er einfach nur verpeilt ist.

2 Antworten auf “39,95 – Neununddreißig fünfundneunzig”

  1. Heijdi schrieb:

    :) nice one

  2. Stephan schrieb:

    39,95 trage ich nur an trüben Tagen, wenn die Seele ihr Tief erreicht hat, der Akku leer ist, es sich eigentlich nicht lohnt morgens aufzustehen, also kurz vor Ragnarök.

    An guten Tagen hefte ich mir schon mal das “395 Euro” Accessoire ans Adidas-Revers. Man sollte zeigen, wenn’s super läuft. Der Trend geht ja zu großen Preistafel, welche man statt Kleidung trägt, an welchen dann kleine Anhänger in Jackenform bammeln.

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