Hilfe!
So, endlich werden hier auch mal ernste Themen behandelt. Wurde ja auch Zeit. Das soll jetzt aber kein Imagewandel werden oder so, ich mache mir halt nur meine Gedanken und die sollen raus. Wenn es Ihnen nicht passt, kann ich Ihnen failblog.org empfehlen. Urkomisch. Wie dem auch sei, ich habe mir folgende Frage gestellt: „Sind wir verpflichtet anderen zu helfen?“ Gehen wir der Sache doch mal auf den Grund.
Jemandem fällt etwas hin, z.B. ein Kugelschreiber. Sind wir verpflichtet ihm zu helfen? Zunächst einmal nicht, denn es handelt sich um eine absolute Banalität. Die meisten Menschen könnten auch ohne Kugelschreiber überleben – sogar Führerscheinprüflinge. Wem würden wir in so einer Situation helfen? Einer Dame? Einem älteren Menschen, dem es sichtlich schwer fallen würde, den Kugelschreiber aufzuheben? Vielleicht. Vielleicht gehen wir einfach nach Sympathie. Tatenlosigkeit in dieser Situation fänden sicherlich nur die wenigsten von uns moralisch verwerflich.
Aber wie sähe es aus, wenn sich jemand auf die Fresse legen würde? Vor Ihren Augen. Wem würden Sie da helfen? Ginge es da auch nach Sympathie? Vielleicht würden Sie da schon mal jemandem aufhelfen, dem Sie den Kugelschreiber nicht aufgehoben hätten. Wäre es moralisch verwerflich, jemandem in dieser Situation nicht zu helfen? Sagen wir mal, der Mensch bliebe liegen und blutete aus allen Poren. Okay, einfach weitergehen wäre wohl ziemlich verwerflich. Und wenn sich ein unverschämtes Kind, das die ganze Zeit nur am Schreien und Nerven ist, aus Eigenverschulden so was von auf die Kauleiste legt, dass die Zähne splittern? Würden Sie da helfen? Klar, sagen Sie, es ist doch noch ein Kind. Als Kind waren Sie vielleicht auch scheiße. Aber stellen Sie sich vor, Sie säßen in der Bahn und hätten dem Kind vier Stunden am Stück beim Schreien zugehört. Und dann legt der sich kurz vor Frankfurt mit der Fresse auf eine Armlehne und bricht sich den Kiefer. Nicht wenige von Ihnen würden sich diebisch freuen – oder sich denken: „Haste nun davon, du dummes Kind.“
Nun kommen wir aber zu einer etwas härteren Nummer: Suizid. Ein ziemlich verantwortungsloses Boulevardblatt fragte neulich: „Haben Sie Schuldgefühle, Herr Löw?“ Es ging wie so häufig in letzter Zeit um den Suizid unserer Nummer eins Robert Enke – Bundestrainer Löw hatte ihn nicht für die Länderspiele gegen Chile (abgesagt) und die Elfenbeinküste nominiert. Abgesehen davon, dass ich eine solche Frage für eine unfassbar pietätlose Unverschämtheit halte, stellt sich hier eine andere, nämlich: Kann man dadurch, dass man etwas nicht tut, die Schuld am Suizid eines anderen Menschen tragen? Meiner Meinung nach nicht. Wenn sich mir jemand anvertraut, würde ich sicherlich nicht tatenlos zusehen – und Sie hoffentlich auch nicht. Aber: ab wann kann ein Mensch für das Leben eines anderen verantwortlich gemacht werden? Bei ersten Anzeichen? Wie soll das bitte aussehen? Wie häufig hören wir von Menschen, denen es gerade nicht so prima geht, „Ich bringe mich um.“? Oder etwas schwächere Varianten wie „Ich könnte mich erschießen“ oder „Mein Leben kotzt mich an“? Wer von Ihnen würde, mal ganz im Ernst, einen Arzt zu Rate ziehen?
Absurder ist es also, jemandem den Suizid eines anderen vorzuwerfen (und sogar ein absoluter Volltrottel im Schalke-Forum hat es getan), weil er ihn nicht irgendwohin eingeladen hat. Sie laden jemanden ein, und der verunglückt auf dem Weg zu Ihnen. Viele würden sich in diesem Fall Vorwürfe machen, als neutraler Betrachter würden Sie aber sagen: Keine Schuld, passiert, auch wenn es tragisch ist. Und genauso sieht es mit Jogi aus – ich finde es eher moralisch verwerflich, jemandem so eine Frage zu stellen. Hilfe kann man geben, muss man aber nicht – so bitter es klingen mag. Sonst könnten wir nie und nimmer ruhig schlafen. Ein Beispiel gefällig? Gern.
Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Million Euro zur Verfügung. Diese müssten Sie einer Hilfsorganisation spenden – einer einzigen. Für welche würden Sie sich entscheiden? Not leidende Kinder? Hungernde Menschen? Regenwald? Krebsforschung? Nehmen wir an, Sie wählten den Regenwald. Wären Sie Schuld am Tod von Millionen Kindern? Wären Sie für Millionen Krebstote verantwortlich? Was würden Sie den sexuell missbrauchten Kindern erzählen? Dass der Regenwald wichtiger wäre als sie? Manch einer ist der festen Überzeugung, wir müssten uns engagieren, standardmäßig für Menschen, „denen es nicht so gut geht wie uns“. Okay, einverstanden. Aber das ist doch wohl jedem selbst überlassen, ob er jemandem hilft oder nicht. Veganer finden sogar Vegetarismus moralisch verwerflich, also wen würden Sie Vorwürfe machen? Am besten, Sie helfen demjenigen, dem Sie helfen wollen – ob es um Kugelschreiber oder Krankheiten geht. Aber anderen vorzuschreiben, wann und wem sie zu helfen haben, wird nichts bringen. Nicht ansatzweise. Am Ende des Tages muss sich jeder für seine Taten verantworten – mindestens vor sich selbst.
