Grau ist der Herbst

Viele fragen mich in letzter Zeit: „Maori, wie ist es eigentlich, in so einer scheiße erfolgreichen Agentur zu arbeiten, und das mitten in der Krise?“ Ich antworte dann meistens: „Mama, wo hast du das denn gelesen?“ Davon einmal abgesehen, scheinen wir ja aus der Krise total gestärkt hervorzugehen. Sagen zumindest die Zeitungen, und wie wir seit den Hitler-Tagebüchern wissen: Zeitschriften sind unzuverlässig, vertrauen kann man nur den Zeitungen. Alle Prognosen deuten eine positive Entwicklung an, wir sind praktisch kurz vor dem „Wirtschaftswunder II – Return of the Erhard“. Aber wieso merken die Leute es nicht? Heute Morgen schon wieder in der Bahn, alle mit so ’ner Fresse unterwegs, als wäre gerade 2012. Dabei haben wir noch mehr als zwei Jahre Zeit, um Autos zu bauen, die schnell genug sind, um fetten Erdrissen davonzufahren. Das müsste GM ja wohl noch hinbekommen, mit all den Milliarden, die ihnen in den Arsch geblasen werden.

Übrigens habe ich letztens aus Versehen (!) auf dem Monitor einer Kollegin das Video von der Frau gesehen, die sich besoffen auf die Gleise legt. Ich habe noch nie verstanden, wieso sich die Leute kurz vor der Einfahrt eines Zuges an die Bahnsteigkante stellen. Gibt es etwas Dämlicheres als sein Leben zu riskieren, um drei Sekunden schneller in eine Bahn zu kommen? Gibt es etwas Dämlicheres? Ja sicher, es gibt ganz bestimmt etwas Dämlicheres, aber das war mehr eine rhetorische Frage, also Schluss jetzt mit dem Herumüberlegen. Es ist einfach wahnsinnig doof, so zu sterben. Sie stehen an der Bahnsteigkante, und irgendein betrunkener Idiot stößt sie vielleicht aus Versehen, vielleicht weil Sie so ungemein hässlich sind, auf die Gleise. Kann immer mal passieren. Was will man auf der Beerdigung sagen: „Er hatte es immer sehr eilig, so auch beim Abgang.“ Oder „Alles was er wollte war ein schneller Einstieg. Jetzt ist er ausgestiegen.“ Ich käme mir reichlich dämlich vor, und wäre ich mit so einer Person verwandt, ich würde mir ob des Genpools doch große Sorgen machen.

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