Passanten, Teil VIII

In meinem Alter erlebt man ja nichts mehr, ne? Also ganz ehrlich, zwischen Schule und Rente rennt man nur von A nach B, C ist nur für den Urlaub gedacht, obwohl Urlaub mit U anfängt und eine entsprechende Benennung die Sache vereinfachen würde. Aber wenn man von Einfachheit spricht, darf man erst gar nicht mit A und B anfangen, sondern spricht gleich von Wohnung und Arbeitsplatz. Und wenn man jetzt bedenkt, dass A für die Wohnung mit W und B für den Arbeitsplatz mit A steht, weiß man, dass man eigentlich von A nach A rennt, so tritt man praktisch gut 50 Jahre lang auf der Stelle. Abgesehen davon, wie soll sich bei diesen Gegebenheiten der Horizont erweitern? Ja, Scheiße. Egal. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit feststellen müssen, dass Urlauber eine Spur schlimmer sind als stinknormale Passanten.

Beispiel U-Bahn: Der Passant steigt aus der U-Bahn und bleibt stehen, blickt nach rechts, blickt nach links, trifft gemächlich eine grobe Richtungsentscheidung und beginnt schließlich, sich zu bewegen. Der Urlauber steigt aus der U-Bahn, bleibt stehen – und wartet (!) auf seine Begleiter. Die aber nicht aussteigen können, weil ihr eigener Mann im Weg steht. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: ein Typ, der in der Tür stehenbleibt und auf Leute wartet, die durch diese Tür müssen. Sensationell, so etwas kann man sich nicht einmal ausdenken. Noch geiler sind die, die einsteigen und stehenbleiben, um auf den Fahrplan an der Decke zu gucken. Hinter dem Planlosen stauen sich diejenigen, die liebend gerne mitfahren würden. Ich habe Hamster gesehen, die sich cleverer verhalten haben.

Beispiel Hafen: Der Passant trottet gemächlich vor sich her, sehr gemächlich, aber das ist ja auch irgendwo in Ordnung, schließlich ist der Hafen der Hafen. Wer schon einmal hier war, weiß, dass das so ist. Also der Hafen der Hafen. Und schön. Aber der Urlauber macht das Ganze erst spannend. Urlaber beherrschen die Kunst, mit wenigen Personen eine maximale Blockade zu erzielen. Zunächst geht es denen mal dezent am Arsch vorbei, ob sie zu zweit oder zu sechst sind: immer schön nebeneinander. Schlimm sind die mit identischen T-Shirts, aber das ist ein anderes Thema. Ich frage mich wirklich, wieso Gruppen aufgereiht nebeneinander am Hafen entlanggehen müssen. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn! Nebeneinander! Wir sind hier doch nicht vor nem scheiß Länderspiel. Und dann die Abstände zwischen den einzelnen Personen: immer genau soviel, dass niemand durchpasst. Deshalb freue ich mich immer wie Bolle, wenn einer Urlaubergruppe eine andere entgegenkommt. Das ist praktisch wie die Nummer mit den Spaniern, die auf der steinernen Brücke nach Tenochtitlán mit den Aztekenkriegern zusammentrafen, wobei streng genommen die Azteken Passanten waren und keine Urlauber, aber das nur nebenbei. Das macht rumms, und dann denkt man, aha, Hamburg, ein Erdbebengebiet.

Übrigens kommt das alles daher, dass Urlauber sich im Urlaub wähnen (Wieso wähnen? Die sind im Urlaub, Mensch …) und einfach mal das Hirn abschalten. Deshalb bringt das ja auch nichts, im Urlaub ins Museum zu gehen. Habe ich schon so oft gemacht, aber was dann hängen bleibt ist nicht einmal mit dem Wort „dürftig“ treffend beschrieben. So entsteht Halbwissen, meine Damen und Herren, und dann sitzen Sie bei Günther Jauch und denken sich, ach das, das weiß ich doch, das habe ich doch mal in Kairo im Nationalmuseum gesehen, aber Arsch lecken, zack, und dann gehen Sie mit € 500 und viel Hohn und Spott nach Hause. Geht schneller als Sie denken. Wie dem auch sei, vielleicht sollte man als Urlauber grundsätzlich Baustellen meiden. Wie überall in Deutschland wird auch in Hamburg gerade wie blöde gebaut. Während Passanten gerade noch so den Weg durch den Bauschutt finden, laufen Urlauber auch mal völlig stumpf und ohne mit der Wimper zu zucken gegen fahrende Autos. Ich meine, Baustelle hin oder her, wenn da ein Auto kommt, weiß ich doch: ich kann nicht gewinnen, da laufe ich mal besser nicht gegen. Japaner haben dieses Problem schon vor Jahrzehnten eliminiert: durch Reisegruppen. 20 bis 30 Urlauber laufen einer arbeitenden Person hinterher, nämlich der Reiseleiterin. Klappt aber nur, wenn es sich um so kleine Menschen wie Japaner handelt. Gewaltig proportionierte US-Touristen kommen einer zierlichen Reiseleiterin schnell abhanden, und dann geht der Ärger von Neuem los.

Übrigens habe ich letztens mal einen süddeutschen Reiseleiter getroffen, der ein älteres Ehepaar suchte – um ungefähr 23 Uhr am Hafen. Blöderweise langweilten sich die anderen älteren Ehepaare im Bus so sehr, dass sie begannen, auf eigene Faust zu suchen. Ich glaube, der Reiseleiter war bis um 3 Uhr nachts unterwegs, um die ganzen entlaufenen älteren Ehepaare wieder einzufangen. Aber das, meine Lieben, ist eine völlig andere Geschichte.

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