Durchdrehtrend

Hmm, so auf den ersten Blick könnte man „durchdrehend“ oder „durchtretend“ lesen, aber nein, darauf wollte ich jetzt nicht hinaus. Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit sehr viele Menschen in aller Öffentlichkeit durchdrehen. Natürlich spielen diverse B-, C-, F- und H-Promis ihre Rollen, beispielsweise die Winehouse, aber das sind ja eher harmlose Späße. Nein, ich meine die Schweizer Idioten, die in München einfach mal so ein paar Leuten in die Fresse gehauen haben. Ich meine den Typen, der vor Wut sein eigenes Haus angezündet hat. Ich meine den Typen letztens bei uns vor der Firma, der einen Autofahrer aber so dermaßen angebrüllt hat, dass ich Angst um seine Lungenstabilität bekam.

Einerseits bewirkt die totale Vernetzung der Welt, dass ich jederzeit alle Ausraster von Australia bis Austria mitbekomme – andererseits fallen mir aber immer mehr unkoordinierte Verhaltensstörungen (ist das doppelt gemoppelt?) im Alltag auf. Saugeil finde ich die Alte, die manchmal mit ihrem doofen Hund an meiner Wohnung vorbeispaziert. Der Hund bellt halt mal gerne, wenn ein anderer Hund in der Nähe ist. Und da bei uns andauernd andere Hunde in der Nähe sind, bellt der Hund der Alten natürlich auf Schritt und Tritt wie ein geistesgestörter Bastard. Jetzt denken Sie sich: Schuld ist nur das Frauchen allein. Richtig. Denn was macht die Alte, wenn der Hund anfängt wie Klaus Kinski abzugehen? Richtig: Sie schreit den Hund an, er solle nicht so doof rumbellen. Im Endeffekt werde ich also an einem Sonntagmorgen von zwei wie bescheuert bellenden Hunden und einer wie bescheuert brüllenden Frau geweckt. Ein Traum.

Früher dachte ich ja, die Hanseaten seien gelassen. Entspannt. Nordisch kühl. Keine Ahnung, ob die vielen Zugezogenen den hanseatischen Genpool verwässert haben, jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn sich ein Hamburger in Rage geredet hat, dann stoppt den weder Ochs noch Esel, frei nach Honecker. Eine weitere Möglichkeit neben der Genpool-Sache wäre eben die permanente Verfügbarkeit weltweiter Ausraster, die wiederum die eigentlich kühlen Hanseaten zur Nachahmung inspirieren. Denn eines müssen wir doch zugeben: Ausrasten macht Spaß. Ob Uli Hoeneß oder Rudi Völler, die machen das ja nicht, weil sie sich so dolle aufregen. Nein. Wer möchte denn nicht gerne mal herumbrüllen? Mal als so richtig gefährlich gelten? Und wenn man fertig ist, ab damit auf YouTube. Kein Trend ohne Gegentrend, klar, aber mittlerweile sind Trends so kurzlebig, dass sie sich mit Gegentrends und Gegen-Gegentrends überschneiden. Am Ende kommt dann irgendso ein Wust raus, bei dem man nicht mehr weiß, was richtig oder falsch ist.

Und die Moral von der Geschicht’? Einfach mal weniger ans Ausrasten denken. Stattdessen mal was echt Leckeres essen. Essen ist eh viel geiler als Ausrasten, ich sag’s Ihnen.

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