Leben oder sterben lassen?

In England hat sich ein 22jähriger totgesoffen. Ihm wurde eine Spenderleber verweigert – eben wegen seines Alkoholismus; da sind die Briten rigoros. Nun beklagt sich die Mutter über die Ungerechtigkeit, und muss sich doch die Kritik anhören, zumindest teilweise mitschuldig zu sein. Schließlich war der Sohnemann seit dem 13. Lebensjahr (oder noch früher) exzessiver Trinker – ich kenne die Umstände nicht, in der Mutter und Sohn lebten. Aber die Frage sei gestellt, wieso der 22jährige eine rare Spenderleber verdient hätte – mehr als jemand, der vielleicht an einer angeborenen Leberkrankheit leidet.

Ethisch ist die Sache relativ klar: ein Menschenleben darf man nicht werten, egal ob es sich um einen Kinderschänder, einen Shaolin oder deine Mudder handelt. Menschenleben ist Menschenleben, das eine so schützenswert wie das andere. Behinderte ebenso wie Verwaltungsbeamte. In diesem Fall hätte der junge Mann eine neue Leber und damit eine zweite Chance erhalten müssen, vorausgesetzt, es hätte ein geeignetes Spenderorgan gegeben. Möglicherweise hätte er weitergesoffen und auch die zweite Leber kaputtgetrunken, während irgendwo anders ein kranker Mensch mangels Spenderleber gestorben wäre. Möglicherweise hätte er aber auch angsichts des knappen Überlebens seine Lebensweise geändert, wäre vielleicht Arzt geworden – und hätte vielleicht nach Feierabend Suppen an Obdachlose verteilt. Man weiß es nicht.

Ein anderer Standpunkt ist folgender: Der Junge hatte 9 Jahre Zeit, sich Gedanken über seine Lebensweise zu machen. Mittlerweile – in einer relativ aufgeklärten Welt – sollte jeder Arsch wissen, was Alkoholismus so alles im Körper anstellt. Er hatte die Wahl, mit dem Trinken aufzuhören, und hat trotzdem weitergesoffen. Natürlich ist irgendwann die Leber kaputt, nicht umsonst enthält jeder dritte Säuferspruch das Wort „Leber“. Hat so jemand eine Spenderleber verdient? Die Frage stellt sich – ich kann es, siehe zweiter Abschnitt, nicht wirklich beantworten. Pauschal zu urteilen fällt immer leicht, ist aber selten richtig. Man muss die Umstände kennen – ich kenne sie nicht. Was meinen Sie denn so?

Eine Antwort auf “Leben oder sterben lassen?”

  1. Tobias schrieb:

    Das Umfeld formt den Habitus. Ich glaub nich, dass sich die Mutter / die Kollegen von ihm mit Recherchen über alkoholismus auseinandergesetzt haben.
    Man sollte evtl vereinzelte Tests machen und notieren wieviel Prozent der Leute aus so einem sozialen Umfeld mit Spenderleber dann Suppe verteilen. Dann ausrechnen, ob sich das statistisch überhaupt Lohnt.
    Wer hat dann überhaupt die Leber gekriegt die ihm evtl zugestanden hätte?
    Evtl jemand fettleibiges, der den ganzen Tag nur Suppe vertilgt.

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